Kalte Schnauze – Hundeblog

Zwischen sieben Seen: Die Flößerstadt Lychen

Von meinem Urlaub in Uckermark habe ich euch ja schon das ein oder andere erzählt. Jetzt ist es an der Zeit, dass ich etwas mehr ins Detail gehe. Unser Urlaubsort Lychen eignet sich dafür hervorragend. Denn die Flößerstadt, inmitten des Naturparks Uckermärkische Seen, ist nicht nur wegen ihrer gesunden Luft, der besonderen Insellage am Kreuzpunkt von sieben Seen und des Waldreichtums in der Umgebung ein besonderer Ort.

Lychen ist auch die Geburtsstadt einer kleiner aber feinen Erfindung, die die Welt erobert hat und auch heute noch in jedem Haushalt zu finden ist. Und wie die Zusatzbezeichnung „Flößerstadt“ bereits vermuten lässt, ist die Geschichte der 3100-Seelen-Stadt eng mit der Tradition des Flößerhandwerks verbunden. Darum nehme ich euch in diesem Beitrag mit auf eine kleine Reise in die Vergangenheit, und erzähle euch, warum die Lychener so stolz auf ihre Heimat sind.

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Lychens Wahrzeichen: die frühgotische Feldsteinkirche St. Johannes aus dem 13. Jahrhundert.

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Der Gasthof am Stadttor: In gemütlicher und uriger Atmosphäre Uckermärkische Spezialitäten essen. Wir haben’s ausprobiert und waren sehr begeistert.

Eine kleine Erfindung erobert die Welt: Die Pinne

Not macht erfinderisch. So war es zumindest um 1902/03 beim Lychener Uhrmacher Johann Kirsten. Weil er seine Unterlagen auf einem Reißbrett mit einem Nagel befestigen wollte, kam er auf die Idee, diesen mit einem Blech zu verbinden, um seinen Daumen beim Eindrücken des Nagels vor Verletzungen zu schützen. Die Pinne, die heute jedem als Reißzwecke bekannt ist, war geboren. Das Patent verkaufte der Uhrmacher schließlich an Arthur und Otto Lindstedt. Sie perfektionierten es und vertrieben das Patent sogar im Ausland unter dem Namen Heftzwecke. Bis 1960 wurden die Pinnen noch von Hand gestanzt, bevor man die Produktion sechs Jahre später einstellte.

Bis heute erinnern überall im Stadtgebiet von Lychen überdimensional gestaltete Pinnen, die als Wegweiser und Hinweistafeln dienen, an die Erfindung des Uhrmachers Johann Kirsten.

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Eine übergroße Pinne gibt Aufschluss über den Malerwinkel am Oberpfuhl in Lychen.

Von Flößerromantik keine Spur

Aufgrund der Insellage am Kreuzpunkt von sieben Seen und dem hohen Waldvorkommen, war Lychen ein prädestinierter Standort, um auf dem Wasserweg Holz in die umliegenden Sägewerke und sogar bis Berlin und Hamburg zu transportieren. Letzteres war zu DDR-Zeiten aber nur Familienvätern erlaubt. Bei ihnen konnten sich die Zollbeamten sicher sein, dass sie zurück in die Heimat kehren würden, um die Familien zu versorgen. 

„Pläätz“ = niederdeutsch für Floß

Anders als es das Titelbild vermuten lässt, hat das Flößerhandwerk absolut nichts mit Romantik zu tun. Flößer zu sein, bedeutete im 16. Jahrhundert, ein hartes und entbehrungsreiches Leben zu führen. Für die Männer war es kein gemütlicher und entspannter Ausflug auf den Seen, wie es Touristen heute in Lychen erleben können. Für sie war es ein Knochenjob, der nicht nur lebensgefährlich war, sondern die Arbeiter auch über Wochen von ihren Familien trennte. Das Flößern setzte Mut, Wissen, Fingerspitzengefühl und Durchhaltevermögen voraus.  Eine Ausbildung nahm daher drei Jahre in Anspruch.

„Damals konnten lediglich zwei von 100 Männern schwimmen“.

Bis ein Floß zusammengebaut war, vergingen mehrere Tage. So brauchten die Flößer für eine Tafel, also für eine Holzlage, einen Tag. Dabei bildete das Kiefernholz die erste Schicht. Buchen und Eichen waren dafür ungeeignet, weil das Holz aufgrund des Gewichts schwimmunfähig ist. Bis zu 200 Meter lang konnte ein Flößerverband sein. Dementsprechend zeitintensiv war das Zusammenbauen und Verbinden der Pläätze.

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Die ersten Aufzeichnungen der Flößerei in Lychen stammen aus dem Jahr 1720.

Mit den Flößen ging es immer am Seeufer entlang. Nur so war es den Arbeitern möglich, sich auf dem Floß stehend mit der sogenannten Starke, die zehn Meter lang und extrem schwer war, vom Boden abzustoßen. Reichte das nicht aus, wurde am Uferrand durch Ziehen mit Seilen, dem sogenannten Treideln, nachgeholfen.

Flößern war Sisyphusarbeit

Um die Flöße auch durch die schmalen Verbindungsgewässer der Seen zu bekommen, mussten alle Pläätze wieder auseinander gebaut werden. Durch mehrere Schleusen gelangten die Flößer schließlich vom Großen Küstrinsee über den Küstriner Bach in den Stadtsee von Lychen. Dort angekommen, mussten die Flöße erneut zusammengebaut und miteinander verbunden werden. So vergingen mindestens drei bis vier Wochen, bis das Holz schließlich in Fürstenberg an der Havel war. Weitere fünf bis sechs Tage dauerte der Transport bis Hamburg bzw. Berlin. Und dann hieß es für die Männer zurück zu Fuß. 

Das letzte Floß verließ die Stadt 1968.

Weltrekord für ein Floß

Bis heute wird dem Handwerk beim alljährlichen Flößerfest gedacht. Leider haben wir es nicht mehr miterleben können, weil wir vorher abreisen mussten. Dafür haben wir erfahren, dass der Stadt Lychen am 30. Juli 2011 eine besondere Auszeichnung zuteil wurde. Zwölf Ehrenamtlichen war es in rund 500 Arbeitsstunden gelungen, ein 1552 Quadratmeter großes Floß zu bauen, auf dem 442 Leute Platz hatten. Weltrekord!

Wer übrigens noch mehr über das Flößerhandwerk und seine Besonderheiten erfahren möchte, der sollte 2 Euro Eintritt für das Flößereimuseum investieren, das liebevoll vom Lychener Flößerverein gepflegt wird. Wir wollten dort eigentlich nur mal kurz rein und uns einen groben geschichtlichen Überblick verschaffen. Letzten Endes sind wir fast zwei Stunden in eine für uns unwirkliche aber faszinierende Zeit um 1720 eingetaucht. Die spontane Führung, die wir bekommen haben, war richtig klasse und sehr kurzweilig.

Das Flößereimuseum in Lychen.

Das Flößereimuseum in Lychen.

Lust auf Urlaub in Lychen bekommen?

An dieser Stelle endet meine kleine Reise in die Vergangenheit der Flößerstadt Lychen im Herzen des Naturparks Uckermärkische Seen. Ich hoffe, ich konnte euch vermitteln, warum die Lage am Kreuzpunkt von sieben Seen eine besondere ist und die Lychener so stolz auf sich und ihre Tradition sind!? Ich würde mich zumindest freuen, wenn ihr jetzt Lust auf einen Urlaub in Lychen bekommen habt.

Und wenn ihr dort seid, empfehle ich euch den Besuch der Touristeninformation. Dort werdet ihr nicht nur gut und sehr freundlich beraten, sondern findet auch jede Menge Infomaterialien oder Produkte aus der Region für euch als Andenken sowie für eure Familie und Freunde als Mitbringsel.

Zum Abschluss gibt es noch ein paar Bilder vom Ufer des Oberpfuhls in Lychen

6 CommentsLeave a comment

  • Na das war ja mal eine tolle Geschichtsstunde 🙂 Ich finde es klasse auch einmal etwas über die Geschichte eines Ortes und deren Bewohner zu lesen.

    Danke für´s Mitnehmen 🙂

    Liebe Grüße, Klaus

    • Gern geschehen, Klaus! Nicht immer bietet es sich an, über die Geschichte eines Ortes zu schreiben. Aber wenn ich schon mal in einer Flößerstadt bin, ist es für mich von Interesse, etwas mehr über die Geschichte dahinter zu erfahren. 🙂

      Liebe Grüße zurück – und einen Knuff an Davy!

  • Lychen und Umgebung ist nicht nur eine Reise wert. Ich denke noch gerne an die vielen kleinen Naturwunder, die wir erleben durften. Und natürlich auch an den Besuch des Flößereimuseums, wo wir so vieles Interessantes erfahren konnten, mit Witz, Humor und viel Wissen vermittelt. Schön mit deinen Berichten und wundervollen Bildern noch mal einiges Erlebtes Revue passieren lassen zu können.

    • Das stimmt Patricia. Naturwunder gibt es viele dort. Doch mir war es jetzt auch mal wichtig, herauszustellen, was den Ort Lychen außerdem noch interessant macht. Es freut mich auf jeden Fall, dass ich noch ein paar schöne Erinnerungen unseres gemeinsamen Urlaubes in dir wecken konnte.

  • Wunderbar! Schon der dritte Uckermarkbericht, der mich begeistert. Danke für die schönen Bilder und den guten Text!

    Liebe Grüße aus der nördlichen Uckermark von Kathrin

    • Herzlichen Dank für das schöne Kompliment, Kathrin! Es freut mich sehr, dass dir meine Uckermark-Berichte bisher so gut gefallen haben. Auf diesem Weg bedanke ich mich auch für die Verlinkung auf deinem wunderbaren Blog, auf dem ich jetzt auch immer wandern gehe.

      Liebe Grüße aus dem Rheinland!
      Silvana

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